Kein neues Kohlekraftwerk in Ensdorf !

Die Delegiertenversammlung des Saarländischen Ärzteverbandes sagt


NEIN zu diesem Großprojekt !


Der Eid des Hippokrates wird schon lange nicht mehr von den Ärzten geleistet. Er ist in seinem Wortlaut nicht mehr zeitgemäß. Er hat auch keinerlei Rechtswirkung. Und dennoch, dieser Eid enthält Elemente, die auch heute noch Grundbestandteil der ärztlichen Ethik sind.
Was in diesem Eid ist auch nach 2400 Jahren noch Grundgedanke ärztlichen Handelns? Es ist unter anderem das Gebot, Kranken nicht zu schaden. In der Genfer Deklaration des Weltärztebundes lautet der entsprechende Satz: „Die Gesundheit meines Patienten soll oberstes Gebot meines Handelns sein“. Dieses Gebot bedeutet für uns nicht nur, Kranken nicht zu schaden, es bedeutet für uns auch, erkennbaren gesundheitlichen Schaden abzuwenden. Es bedeutet für uns als Ärztinnen und Ärzte, dass wir unser Wissen nutzen, auch öffentlich, wenn die Gesundheit von Menschen erkennbar bedroht ist. 

Nicht anderes haben die Delegierten des Saarländischen Ärzteverbandes mit ihrem Beschluss am 28.06.07 getan. Sie haben die verantwortlichen Politiker und Entscheidungsträger in einem offenen Brief auf die gesundheitlichen Gefahren hingewiesen, die durch das Großprojekt Ensdorf für die saarländische Bevölkerung zu erwarten sind. (www.aerztesyndikat-saarland.de) 

Wir möchten an dieser Stelle nicht darüber diskutieren, ob es energiewirtschaftlich effizient ist, heute noch Kohlekraftwerke dieser Dimension zu bauen. 

Wir möchten an dieser Stelle nicht darüber diskutieren, wie wirtschaftliche Interessen und die Möglichkeit des „Emissionshandels“ die Energiegewinnung in der Bundesrepublik beeinflussen.  

Wir möchten an dieser Stelle nicht darüber diskutieren, ob dieser Kraftwerksbau nach europaweiten Ausschreibungen im Saarland einige längerfristige Arbeitsplätze bringt. 

Wir möchten an dieser Stelle nicht darüber diskutieren, wie Alternativen der Energiegewinnung heute umgesetzt werden können, und wie dadurch die Schadstoffbelastung der Umwelt und damit die gesundheitliche Gefährdung für die Menschen reduziert werden kann. 

Wir möchten an dieser Stelle nicht darüber diskutieren, ob es umweltpolitisch sinnvoll ist, die gesamte Wärmemenge, die bei zwei mal 800 Megawatt Leistung entsteht durch den Schornstein zu blasen.  (Die Wärme würde ausreichen, alle saarländischen Haushalte zu versorgen.) 

Wir möchten an dieser Stelle nicht darüber diskutieren, wie es zusammenpasst, dass die Landesregierung  durch den Bau einer Gichtgasanlage in Dillingen erreicht, in Zukunft 400 000t CO² Ausstoß einzusparen und die gleiche Landesregierung auf der anderen Saarseite eine Kraftwerksplanung unterstützt, die etwa 8 Millionen Tonnen CO² im Jahr ausstoßen kann. 

Wir möchten an dieser Stelle nicht darüber diskutieren, ob  es dem gewünschten Strukturwandel im Saarland förderlicher wäre, die alternative Energiewirtschaft auszubauen, die hier gut gestartet ist. 

Wir sind Ärzte! Wir möchten an dieser Stelle darauf aufmerksam machen, dass die heute schon - im Vergleich mit anderen Regionen Deutschlands - überdurchschnittlich kranke saarländische Bevölkerung durch das geplante Kohlekraftwerk weitere hohe gesundheitliche Schäden zu erwarten hat. Kinder und Ungeborene sind in besonderem Maße gefährdet, durch Umweltgifte gesundheitliche Schäden zu erleiden. Das Aufwachsen in einem Lebensraum mit hoher Schadstoffbelastung bewirkt Störungen der Organentwicklung. Für die Entwicklung der Atemwege bedeutet dies häufige Infekte und Entwicklung von chronischen Erkrankungen schon in frühen Jahren(z.B. Asthma bronchiale). Es bedeutet für Kinder Störungen in der Entwicklung des Immunsystems, eine Zunahme von Allergien und  entsprechende gesundheitliche Folgeerkrankungen im Erwachsenenalter. (http://reports.eea.europa.eu/environmental_issue_report_2002_29/en/eip_29.pdf)

Besonders gefährdet sind auch ältere Menschen und Menschen, die bereits an einer kardiopulmonalen Erkrankung leiden. Sie müssen mit einer Verschlimmerung ihrer Erkrankung rechnen. Morbidität und Mortalität steigen nachweislich mit zunehmender Schadstoffbelastung. (http://nuv-online.de/wp-content/uploads/2007/07/12_zylka-menhorn-feinstnube.pdf, http://www.lbl.gov/Education/ELSI/pollution-main.html, http://content.nejm.org/cgi/content/full/356/5/447

Wir möchten darauf aufmerksam machen, dass unser saarländischer Lebensraum, Boden, Luft und Wasser durch die Schadstoffe und die Wärme die das Kraftwerk abgibt, zusätzlich in hohem Maße belastet wird. Wir treten dafür ein, gemeinsam mit vielen Kollegen und Kolleginnen, dass unser Lebensraum gesünder wird. Wir treten dafür ein, dass die Schadstoffbelastung verringert wird. So haben wir die Aussicht, wie z.B. Erfahrungen aus Irland bestätigen, dass sich die gesundheitliche Situation der Bevölkerung allein durch diese Maßnahme verbessert. (www.airmap.unh.edu/assessment/Team/ArticlePDF/Clancy,2002.pdf)

Wir treten dafür ein, dass vermeidbare gesundheitliche Risiken vermieden werden. Spezielle Daten zur Gesundheit der saarländischen Bevölkerung sind nachlesbar z.B. bei www.gbe.saarland.de. (Gesundheitsberichterstattung des Saarlandes) 

Was ist in Ensdorf geplant?

RWE - Power plant, zwei zusätzliche Blöcke à 800 Megawatt Leistung zu bauen. Das Ensdorfer Kohlekraftwerk wäre damit das größte seiner Art in der Bundesrepublik. Entsprechend der Verbrennungsleistung wird die Menge an Abfallprodukten sein, die nicht nur die saarländische Bevölkerung zu verkraften hat. Bei der Verbrennung von fossilen Brennstoffen entstehen viele gesundheits- und umweltschädliche Abfallprodukte. Hauptschadstoffe sind CO2, SO2, NOx, CO, Staub, Asche, Metalle, Radioaktivität, organische (polyzyklische) Verbindungen und Abwärme.  

Die tatsächliche Luftbelastung durch Abgase von Kohlekraftwerken ist von verschiedenen Faktoren abhängig. Sie ist abhängig von der Zusammensetzung der Abgase (abhängig vom Brennstoff), der Schornsteinhöhe,  der Geschwindigkeit des Austritts, dem thermischen Auftrieb, von Windrichtung, Windgeschwindigkeit, Luftturbulenzen, thermischen Schichtungen, Niederschlag, Sonneneinstrahlung, geographischer Lage und anderen Faktoren.
Der definitive Beitrag der Emissionen eines Kohlekraftwerkes an der Luftbelastung in einem definierten Gebiet ist daher nicht generell bestimmbar sondern von regionalen Gegebenheiten abhängig. Hierüber gibt es im Saarland keine Untersuchungen. Die individuelle Immissionsbelastung und damit die gesundheitliche Gefährdung ist die Summe von vielen unterschiedlichen Emissionen unterschiedlicher Quellen. (natürliche Quellen, Hausfeuerung, Kraftverkehr, Industriefeuerung u.v.m. In den vergangenen Jahrzehnten konnten die Emissionen von Kohlekraftwerken durch moderne Technik und Filter deutlich reduziert werden. Sie haben dennoch in der Bundesrepublik, im Vergleich zu anderen Verursachern die größte Emissionsrelevanz für CO2, SO2, NOx und Staub. 

Bei Vollbetrieb der beiden geplanten Blöcke wird eine genehmigte zusätzliche Jahresmenge von 700 t Staub, je 7.000t SO2, NOx, CO und 1t Quecksilber in die Atmosphäre und die Umwelt gelangen. Hinzu kommen noch giftige Metalle und andere organische Verbindungen. Das Kühlwasser soll vornehmlich aus der Saar entnommen werden und mit etwa 30 Grad °C wieder eingeleitet werden. Die Abwärme, die bei der Verbrennung entsteht wird komplett durch die Schornsteine geleitet. Die Wärmebelastung der Atmosphäre und der Gewässer beurteilen nicht nur Umweltmediziner als problematisch. (www.bi-kraftwerk.de


Medizinische Fakten

SO2 und NOx sind Reizgase. Sie verursachen Reizungen der oberen und der unteren Atemwege. Sie verursachen obstruktive Lungenerkrankungen, z.B. Asthma. Sie sind besonders gefährlich für Menschen mit kardiopulmonalen Erkrankungen. Die Auswirkungen von Smog in weltweiten Großstädten ist uns Ärztinnen und Ärzten ein Begriff. Diese Reizgase sind eine bekannte Gesundheitsgefährdung für die Bevölkerung. Die Erkrankungshäufigkeit von Atemwegserkrankungen wird zunehmen. Es ist mit einer erhöhten Sterblichkeitsrate zu rechnen. Besonders gefährdet sind Kinder und alte Menschen.( http://www.springerlink.com/content/u7314562788p1h11/ , http://hydra.usc.edu/scehsc/coep/coep_atlaschap.asp, www.californialung.org/downloads/diesel010501/ALA-OEHHA_children.pdf )   

CO2 ist der Klimakiller Nummer 1 und beschäftigt zur Zeit die Weltpolitik. Hauptthema des G-8 Gipfels im Sommer waren Überlegungen, die weltweite CO2 - Belastung zu verringern. Die Planung eines Großkraftwerkes, welches bis zu 8 Mill. Tonnen CO2 jährlich in die Atmosphäre abgeben kann, konterkariert diese überregionalen politischen Bemühungen. Das Saarland hat heute schon den höchsten pro Kopf Ausstoß an CO2 in der Bundesrepublik. (www.sr-online.de/nachrichten/30/615453-print.html , www.portal-lebach.de/php/nuke/index.php?name=News&file=article&sid=762

Über Feinstaubbelastung in Bezug auf Krankheit und Sterblichkeit gibt es viele wissenschaftliche Untersuchungen. Im Gegensatz zu den gasförmigen Schadstoffen ist der eindeutige Zusammenhang zwischen Feinstaubbelastung in der Atemluft und Krankheit eindeutig messbar und damit beweisbar. Die Messdaten werden nicht durch regionale Besonderheiten verfälscht oder beeinflusst. Die Daten sind damit weltweit vergleichbar. (www.primary-care.ch/pdf/2006/2006-45/2006-45-568.PDF

Für alle Schadstoffemissionen gibt es gesetzlich festgelegte Grenzwerte. Grenzwerte sind gut. Es ist ein Anfang, die Gesundheit der Bevölkerung und die Umwelt zu schützen. Als Ärzte/innen wissen wir, dass gesetzliche Grenzwerte für eine schädliche Substanz nicht gleichzeitig bedeuten, dass ein Gesundheitsschaden erst bei Überschreitung eintritt. Gesundheitsschäden treten individuell bereits früher ein. Dies trifft erst recht zu bei einer bereits gesundheitlich vorbelasteten Bevölkerung. Dies trifft besonders zu bei Kindern. 

Nach WHO - Kriterien ist eine Belastung über 10µg/m³ Feinstaub eindeutig gesundheitsschädlich.(http://whqlibdoc.who.int/hq/2006/WHO_SDE_PHE_OEH_06.02_eng.pdf)
Im Saarland haben wir bereits heute Jahresmittelwerte, die über 20µg/m³ liegen. Mittelwert bedeutet, dass es auch viele Tage gibt, an denen die Werte 50µg/m³ erreichen. Die gesetzlich geregelten Grenzwerte liegen in Deutschland für Feinstaub bei 40µg/m³! (Schweiz 20µg/m³)
In den  Daten der Gesundheitsberichterstattung (www.gbe.saarland.de) können wir nachlesen, dass an den sieben Messstationen im Saarland (Bieringen bis SB) der Jahresmittelwert in 2006 für Feinstaub an sechs Stationen über 20µg/m³ lag. (SB 28Mg/m³, Bieringen 18µg/m³). An mindestens sechs bis maximal 30 Tagen lag der Mittelwert bei 50µg/m³.Wir können die Diskussionen über Umweltschadstoffe, Studien und Untersuchungsergebnisse über gesundheitliche Folgen in vielen nationalen und internationalen Fachjournalen nachlesen, z.B.(http://216.185.112.5/presenter.jhtml?identifier=4419

Dass Umweltmedizin ein eigenständiges Fachgebiet in der Medizin ist zeigt, wie wichtig es ist, die komplexen Zusammenhänge von Umwelt und Gesundheit und Umwelt und Krankheit zu erfassen. Für fast alle Fachbereiche der Medizin ist Umweltmedizin zunehmend wichtig, da wir in der Patientenversorgung immer mehr mit den gesundheitlichen Folgen konfrontiert sind. Besonders die Fachbereiche Kinder- und Jugendmedizin, Allgemeinmedizin, Kardiologie, Pulmologie und Dermatologie sind hiervon betroffen.

Wir können die möglichen Auswirkungen der einzelnen Schadstoffe auch in den Internetseiten der Landesregierung (Gesundheitsberichterstattung des Ministeriums für Justiz, Gesundheit und Soziales,  Landesamt für Umwelt, Umweltministerium usw. ) nachlesen. Es ist alles dokumentiert. Es ist alles bekannt. Die Daten sind allen zugänglich. (www.lfu.saarland.de, www.umwelt.saarland.de, www.bmu.de, www.bundesumweltamt.de, www.aerzteblatt.de

z.B.:Auszug aus den Internetseiten des Landesamtes für Umweltschutz: 

Der Boden ist ein lebenswichtiges, nicht vermehrbares Naturgut. Er dient der Erzeugung von Nahrungs- und Futtermitteln, fungiert als Schadstofffilter für das Grundwasser und sichert damit die Lebensgrundlagen des Menschen. Verborgen unter einer Pflanzendecke wird die Vielfalt und die Bedeutung des Bodens als wichtiger Funktionsträger im Naturhaushalt oft nicht wahrgenommen. 

Informationen zu SO2....
Informationen zu NO2....
Informationen zu Feinstaub.... 

Diese Daten sollten alle Verantwortlichen aufrütteln und motivieren, sich für die Gesundheit der saarländischen Bevölkerung einzusetzen um weiteren Schaden vermeiden.  

Die Reduktion von Schadstoffen verbessert messbar den Gesundheitszustand einer Bevölkerung.(Effect of air-pollution control on death rates in Dublin, Ireland: an intervention study) www.circ.ahajournals.org/cgi/content/full/109/21/2655 

Außer der direkten Gesundheitsgefährdung durch Immission von Schadstoffen sind auch gesundheitliche Schäden durch die Veränderungen der natürlichen Umwelt zu erwarten.Uns alle erwartet bei Inbetriebnahme dieses Kraftwerkes eine Verstärkung des Treibhauseffektes, noch mehr saurer Regen mit u.a. Waldschäden, eine höhere Schadstoffbelastung des Bodens, eine Wetter- und Klimaveränderung durch die Wärmebelastung der Atmosphäre und der Gewässer. 

Aus gesundheitspolitischer Sicht ist zu bedenken, dass zusätzliche Schadstoffbelastung der Luft, zusätzliche Schadstoffbelastung der Umwelt und klimatische Veränderungen erhebliche zusätzliche Kosten für die medizinische Versorgung der saarländischen Bevölkerung verursachen werden. Können wir uns das leisten? 

Wir müssen den Präventionsgedanken ernst nehmen. Prävention ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Es genügt nicht, die Bevölkerung zu gesundheitsbewusstem Lebensstil zu motivieren. Der Staat trägt die Verantwortung für die Entwicklung umweltgerechter und gesundheitsförderlicher Konzepte und Maßnahmen. Der Schadstoffausstoß von Autos ist z.B. schon lange geregelt und wird ab 2008 weiter verringert werden müssen. Dies reicht jedoch nicht aus, die gesundheitlich schädliche Umweltbelastung wesentlich zu reduzieren. Eine Verringerung weiterer Schadstoffemissionen durch die Hauptverursacher (Kraftwerke mit fossilen Brennstoffen, Industrie) ist dringend geboten.

 Wir haben im Saarland heute die Situation, dass es nicht darum gehen darf, eine noch höhere Schadstoffbelastung zu verhindern, sondern es muss darum gehen, die bestehende Belastung zu verringern. Aus diesem Grund sagt die Delegiertenversammlung des Saarländischen Ärztesyndikats „nein“ zum geplanten Doppelblock Kohlekraftwerk in Ensdorf. 

Dr. Sigrid Bitsch
PD Dr. Uwe Specht