12. Saarbrücker Gesundheitsgespräche 2016

Sektorübergreifende Qualitätssicherung:
methodisch komplex – praktisch unmöglich?

Das Thema der 12. Gesundheitsgespräche, die am 14. September im Casino des Klinikums Saarbrücken stattfanden betrifft zunehmend alle Bereiche unseres Gesundheitssystems.
                    
Begonnen hat es 2007 mit dem GKV-WSG (Wirtschaftlichkeits-Stärkungs-Gesetz). Erinnern Sie sich?

In diesem Gesetz wurde beschlossen, die im SGB V bestehenden gesetzlichen Regelungen zur Qualitätssicherung zusammen zu fassen und Anforderungen an Qualitätssicherung in allen Sektoren der medizinischen Versorgung möglichst einheitlich zu gestalten.

Der Gesetzgeber hat den G-BA beauftragt Richtlinien festzulegen, die verpflichtende einrichtungs- und sektorenübergreifende Maßnahmen der Qualitätssicherung definieren.

Der G-BA macht das nicht selbst, sondern wird hierbei unterstützt von einem Institut, dessen Aufgaben in §137a SGB V definiert sind.

Bis 2015 war dies das AQUA Institut in Göttingen. Im Januar 2015 haben die Partner der Selbstverwaltung und das BMG das Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTiG) gegründet, welches im Januar 2016 seine Arbeit gemäß §137a SGB V aufnahm. Trägerin des Instituts ist eine privatrechtliche Stiftung.

Die Erarbeitung der Richtlinien für Maßnahmen der einrichtungs- und sektorenübergreifenden Qualitätssicherung hat 2010 begonnen und wurde zuletzt 2015 überarbeitet.

Diese Richtlinien gliedern sich in einen Teil 1, der die allgemeinen Rahmenbedingungen definiert, die institutionellen Strukturen benennt, in denen QS durchgeführt wird, der die Datenflüsse regelt und das Vorgehen zur Auswertung und Nutzung der Daten festlegt.

In Teil 2 sind die themenspezifischen Bestimmungen, in denen die konkreten Vorgaben zu den jeweiligen Behandlungsverfahren festgelegt sind. Die Liste der Behandlungsverfahren und Leistungsbereiche für die Daten verpflichtend zu erfassen sind, wird von Jahr zu Jahr länger.
Sie erfasst die verschiedensten Fachgebiete und reicht von der ambulant erworbenen Pneumonie bis zur Nieren-Pankreastransplantation.
Das Datenflussmodell zeigt, dass patientenidentifizierende Datenerhebung (Follow up) ebenso möglich ist wie Leistungserbringer identifizierende Datenerhebung.

Die Struktur, die für die Umsetzung dieses Gesetzes erforderlich ist umfasst somit den G-BA, das IQTiG und die jeweiligen Landesgremien. In all diesen Gremien sitzen Menschen, die unterschiedliche Interessen vertreten. Sie versuchen, Qualitätssicherung in Richtlinien zu packen. Sie definieren die Daten, die verpflichtend gesammelt werden müssen und bestimmen die Kriterien, wie diese Daten auszuwerten sind und welche Daten veröffentlicht werden.
Es wurde ein großer Apparat erschaffen mit dem Ziel, Qualität medizinischer Versorgung sektorenübergreifend zu erfassen und zu bewerten.

Da tauchen natürlich eine Menge Fragen auf.

Unabhängig davon, welche Unmenge an Daten inzwischen erfasst werden müssen und ob dies wirklich alles sinnvoll ist, frage ich mich:
Ist es überhaupt möglich, überregional und zentral Kriterien festzulegen, um medizinische Behandlung sektorenübergreifend zu messen und Behandlungsergebnisse miteinander zu vergleichen? Wird die Individualität des Patienten in all diesen Richtlinien und Fragenkatalogen ausreichend berücksichtigt oder ist der Patient „Störfaktor im System“?
Stehen Aufwand und Ergebnis dieser Datensammlung in einem sinnvollen Verhältnis zueinander? Wem dienen die ganzen Daten, die zurzeit noch vornehmlich im KH gesammelt werden wirklich? Erreichen wir damit eine bessere medizinische Versorgung unserer Patienten oder dienen sie doch mehr den Kostenträgern z.B. als Verhandlungsgrundlage mit den KH und der Politik z.B. zur KH Planung?
Wir haben Qualitätsmanagement verpflichtend in allen Bereichen der medizinischen Versorgung. Wir haben die Möglichkeit des Benchmarkings um uns miteinander in bestimmten Bereichen zu vergleichen. Wir haben gesetzlich geregelte Qualitätskriterien in den Bereichen Arzneimittel, Hilfsmittel, Medizinprodukte und vieles mehr. All diese Maßnahmen sind sinnvoll und dienen der Sicherung und dem Erhalt unserer guten medizinischen Versorgung.

Wir, die Veranstalter der Saarbrücker Gesundheitsgespräche, wollten nun wissen, wie sektorenübergreifende Qualitätssicherung gestaltet sein soll. Und ob dies überhaupt mit dem existierenden Ansatz des IQTiG möglich ist.

 Herr Dr. Bernd Menzinger, GF des Dezernates für Personalwesen und Krankenhausorganisation der DKG und Mitglied im Stiftungsrat des IQTiG erläuterte uns in seinem Beitrag ausführlich die Grundlagen der QS und nannte später einige Zahlen. Er sagte u.a. dass 2015 von gut 32.000.000 erhobenen Datensätzen etwa 16.000 auffällig waren. Das sind 0,05%. (Wozu dann der Aufwand?)

Er erwähnte eine Studie, die ermittelt hat, welcher Zeitaufwand für die Datensammlung im Krankenhaus erforderlich ist. Das sind auf ärztlicher Seite gut drei Stunden und auf pflegerischer Seite mehr als vier Stunden täglich. Er teilte uns auch mit, dass die derzeitigen Daten-Kriterien vornehmlich besondere Behandlungsverfahren und häufige Behandlungsverfahren im Krankenhaus betreffen und mehr der allgemeinen Transparenz dienen und weniger der Qualitätssicherung. Er konnte nur wenig zur Planung der geforderten sektorenübergreifenden QS sagen. Zurzeit werden in diesem Bereich nur Daten aus dem Bereich der Kardiologie erhoben. Über Qualitätssicherung im Bereich der ambulanten Medizin war er leider nicht informiert. 

Herr Dr. Joachim Meiser, 2. Vorsitzender der KVS stellte in seinem Beitrag die existierenden Qualitätssicherungsmaßnahmen vor, die im Bereich der vertragsärztlichen Versorgung durchgeführt werden. Er verwies auch auf den jährlichen zu veröffentlichen Qualitätsbericht, in dem alle Qualitätssicherungsmaßnahmen und Ergebnisse veröffentlicht werden. Er informierte über die unterschiedlichen Behörden, die im ambulanten Bereich Kontrollrecht haben und teilweise die gleichen Kriterien überprüfen, wie z.B. Ausstattung, Gerätefunktion, Hygiene, und dass es bisher nicht gelungen ist, diese parallelen Kontrollrechte in einer Behörde zu koordinieren. Er kann sich sektorenübergreifende Qualitätssicherung da vorstellen, wo in verschiedenen Bereichen der Patientenversorgung die gleichen Leistungen erbracht werden und hält dies für eine spannende Aufgabe.

Die anschließende Diskussion zeigte, dass zum Thema der gesetzlich geforderten sektorübergreifenden Qualitätssicherung noch wenig gesagt werden kann.

Meine Fragen konnte der Nachmittag nicht beantworten. Bei all den bestehenden und auch gewachsenen Qualitätssicherungsmaßnahmen in Krankenhaus und Praxis macht es für mich mehr Sinn, jetzt Zeit, Personal und Geld in gute Pflege und gute medizinische Weiterbildung zu investieren. Das würde die Qualität der medizinischen Versorgung in allen Bereichen verbessern.


Dr. Sigrid Bitsch
Vorsitzende SÄS


Ein interessanter Artikel zum Thema:

http://www.netzwerk-versorgungsforschung.de/uploads/Stellungnahmen/DNVF-Stellungnahme_IQTIG_PlanQI.pdf